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schöpferisch leben
gabriele schmid
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Tuschespuren – Spuren Schwarz auf Weiß               Zur Druckversion



Katharina Shepherd, die jahrelang in Japan lebte und bei namhaften Meistern Zen und Tuschmalerei übte, hat zwei inspirierende Bücher über den Tuscheweg Sumi-e geschrieben, beide anschaulich bebildert, erschienen bei Theseus. Sie ist vertraut mit der Materie, es ist Teil ihres Lebens, das spürt man mit jedem Wort. „Zen in der Kunst der Tuschmalerei“ verdeutlicht den Zusammenhang zwischen dem Zen-Geist und dem Tuscheweg. Es geht der Frage nach, inwiefern sich Sumi-e einreiht in die traditionellen Zen-Künste wie der Haiku-Dichtung, dem Teeweg, Raku ... Das „Handbuch der fernöstlichen Tuschmalerei“ gibt v.a. praktische und sehr verständliche Anleitungen für alle, die den Pinsel selbst in die Hand nehmen wollen. Und das wollte ich nach der Lektüre dieser beiden Bücher unbedingt! Bei meinen ersten Versuchen habe ich recht schnell bemerkt, dass das richtige Material ausschlaggebend für das Ergebnis ist, ebenso die geeignete Umgebung. Da mich zudem die Verbindung von Spiritualität und Kreativität seit langem fasziniert, habe ich mich kurzentschlossen zu einem Seminar bei Katharina Shepherd angemeldet. Es fand erfreulicherweise im Benediktushof bei Würzburg statt, der unter der Leitung von Wiligis Jäger steht: der absolut passende Platz! Kann ein Buch mehr erreichen, als uns zum Handeln zu motivieren? So konnte ich unter der einfühlsamen Leitung von Katharina meine ersten Erfahrungen sammeln und bald erkennen, dass der Geisteszustand von Absichtslosigkeit und Nicht-Tun da sichtbar wird, wo mit Gelassenheit, Hingabe und Selbstvergessenheit Tuschespuren entstehen. Gedanken lösen sich auf in tiefer Stille und konzentrierter Aufmerksamkeit. Das Anreiben der Tusche auf dem Reibstein hilft, die eigene Mitte zu erspüren und den Atem fließen zu lassen – eine meditative Vorbereitung. Dieser hochsensible Pinsel braucht meine völlige Hinwendung und Sammlung, denn er reagiert sofort – wie ein Pendel, das jeden Gedankenimpuls überträgt. Jeder Pinselstrich ist ein schonungsloser Spiegel meines momentanen Geisteszustands, aber auch der fehlenden Technik, denn die braucht es bei Sumi-e: bin ich in der Mitte, achtsam und gelassen gleichzeitig, bin ich zu langsam, zögernd, bedächtig oder zu schnell, automatisch, ungeduldig – sofort präsentiert sich das Resultat Schwarz auf Weiß, nicht korrigierbar. So wie im Leben auch: das, was geschehen ist, kann nicht wieder rückgängig gemacht werden, keine Entfernungstaste löscht einen verpatzten Pinselstrich vom Blatt. Der Tuscheweg macht ehrlich! Sich anstrengen, nicht ganz bei der Sache sein, es besonders gut machen wollen usw. – ich kenne diese Verhaltensweisen aus meinem Alltag. Sie funktionieren nicht, und das ist gut so! Hin und wieder entsteht ein Bild, das lebendige Ruhe ausstrahlt, in dem ich mich wiederfinde. Mir gefällt die schlichte Einfachheit, nichts Besonderes und schon gar nicht vollkommen. Ich messe mich nicht mit den geübten Zen-Meistern, bei denen jeder Pinselstrich sitzt und mehr aussagt als hundert Worte. Auch ist mir die Technik nicht vertraut genug, und so braucht es schlichtweg Übung, Übung, Übung – wie jeder Weg! Für mich ist dieser Tuscheweg aktive Meditation, hier drückt sich der Zen-Geist auf kreative Weise aus, im Tun. Und jeder Weg führt ins Handeln, ins Leben: Gegenwärtigsein im Tun! Klingt einfach, ist es aber nicht, nicht mit dem Pinsel in der Hand! Egal, ob ich in alter Tradition Bambus und Gräser male oder dem Pinsel freien Lauf lasse und experimentiere, ich schaue immer in meinen eigenen Geist. Ich erkenne, dass die schöpferische Kraft aus der Stille kommt, jenseits von Wollen und Urteilen. Mich versenkend in jeden Pinselstrich werde ich der Stille und Schönheit mehr und mehr gewahr, fühle mich reich beschenkt. Der Pinsel, die Tusche, meine Hand – alles wird eins im zeitlosen Fliessen. Manchmal ist es einfach! Und so bin ich verwundert, mich im nächsten Augenblick abgelenkt und unzufrieden zu erfahren: Wechselbäder in Schwarz/Weiß, Spuren Schwarz auf Weiß! Und so ziehe ich denn meine Kreise... Gabriele Schmid
Eine Teilnehmerin hat am Ende des Kurses ihre Erfahrung zu treffenden Worten verdichtet:
Sumi-e

Im Schauen erkennen, Tiefe entdecken ....
Vom Lauschen ins Tun sich erwecken ...
Und dann?!
Einfach malen mit der Klangfarbe der Stille:
Schwarz
Verbunden mit dem Urgrund
Einfach malend ganz da sein
Gesammelt in diesem einen Ton:
Schwarz
fließt die Lebendigkeit aus der Stille
in die Fülle im Jetzt
(Gabriele Maria Scheurer)



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